/

Bildgewaltiges Glanzstück

Gesellschaft | Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben

In Annawadi, einem Slum in Mumbai, leben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Angst vor dem endgültigen existenziellen Ruin dicht beinander. Neid, Korruption und ethnische Konflikte bestimmen den Alltag. In Ihrer bewegenden Reportage Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben schildert Katherine Boo eingängig die Lebensumstände in einem indischen Elendsviertel. Von MARC STROTMANN

Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen LebenMumbai – keine Stadt vermag es besser, der indischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Die Millionenmetropole boomt wirtschaftlich, pompöse Hochhäuser schießen aus dem Boden, Glitzerfassaden verleihen der Stadt den nötigen Glanz. Es scheinen keine Grenzen auferlegt. Tradition und Moderne kumulieren zu einem internationalen Hot-Spot, der Menschen aus aller Welt in ihren Bann zieht. Wäre da nicht noch Mumbais anderes Gesicht. Der propagierte Wohlstand für alle wird konterkariert durch die unzähligen Slums der Stadt. Blechhütten, Armut und Krankheiten bestimmen die Szenerie. Die Menschen leben vom Müllsammeln, von Kurzarbeit auf Baustellen und Diebstahl. Eine sich an der Mittelschicht orientierende Regierung und korrupte Behörden verschärfen die Situation.

Katherine Boo arbeitet seit 2003 als Journalistin für den New Yorker, zuvor war sie lange Jahre für die Washington Post tätig. Die Pulitzer-Preisträgerin ist seit über zehn Jahren mit einem Inder liiert. Für Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben hat sie über drei Jahre in dem indischen Slum verbracht, hat seine Bewohner beobachtet und lange, intensive Gespräche mit ihnen geführt. Meisterhaft vermag sie es, die Atmosphäre eines indischen Slums einzufangen, einer Welt voll von Gewalt und Niedertracht, in der sich trotz allem für die Bewohner zwischen den Bergen voll von Müll Auswege eröffnen.

Auf ein besseres Leben hoffen

Annawadi liegt im Schatten des internationalen Terminals von Mumbai und vier neu errichteter, luxuriöser Hotels. »Um uns rum lauter Rosen und wir als Scheiße mittendrin«, lautet die Beschreibung eines Jungen aus dem Slum. Die Bewohner aus Annawadi bekommen aus unmittelbarer Nähe jenen ausschweifenden Reichtum vorgelebt, der den Nährboden ihrer eigenen Träume bildet. Die Realität ist paradox. Trotz der räumlichen Nähe liegen Welten dazwischen.

Katherine Boo beschränkt sich allerdings nicht darauf aufzuzeigen, wie die Ärmsten der Armen ihren Alltag bewältigen. Vielmehr versucht sie die üblichen Ressentiments zu überwinden und gibt den Slums ein Gesicht. Die von ihr beschriebenen Akteure leben zwar alle in Annawadi, verfolgen aber unterschiedliche Ziele, hängen ihren eigenen Träumen nach und haben individuelle Probleme.

Abdul Husain ist 17 oder 19 Jahre alt, er weiß es selbst nicht genau. Der junge Moslem arbeitet als Müllsammler, sein Vater ebenfalls, bis er aufgrund seiner Tuberkoloseerkrankung nicht mehr fähig ist. Abdul ist schweigsam, vermeidet es, aufzufallen und ist häufig einsam, doch für das Sortieren des Mülls, welchen er an Recyclingfirmen verkauft, hat er eine Begabung und verhilft seiner Familie zu einem verhältnismäßig guten Einkommen.

Asha ist in einem der ärmlichen Landstriche Indiens aufgewachsen. Sie lernte früh sich durchzusetzen. Nach ihrer Verheiratung zog sie mit ihrer Familie nach Mumbai. Ihr Ehrgeiz ist unbändig. Mit aller Macht verfolgt sie das Ziel, der erste weibliche Slumlord zu werden, unterhält Beziehungen zu korrupten Politikern und Beamten, zeigt sich erbarmungslos gegen die Bewohner des Slums, die ihre Ziele gefährden könnten.

Ihre 19-jährige Tochter Manju bildet einen Gegenentwurf. Sie versorgt die jüngeren Geschwister, unterrichtet die Kinder des Slums in einer Grundschule und strebt als erstes Mädchen aus Annawadi einen Collegeabschluss an.

Katherine Boo begleitet sie und andere, die sich nicht resignierend mit ihren Lebensverhältnissen begnügen, sondern alles dafür geben, ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, durch ein Meer aus kleinen Erfolgen und Misserfolgen. Ein Sog aus Korruption, Neid und Gewalt hält die Bewohner Annawadis im Slum gefangen. Hinter der Fassade der blühenden Wirtschaftsmacht Indiens brodelt ein Konflikt zwischen Religionen und Kasten, der durch mangelnde Chancengleichheit weiter geschürt wird.

Eindringlich, erdrückend, meisterhaft

Katherine Boo ist ein Glanzstück gelungen. Ihr Report über das Leben in Annawadi liest sich wie ein Roman, so unwirklich scheinen die Geschehnisse in dem indischen Slum. Ihre Sprache ist bildgewaltig, sie schafft eine dichte Atmosphäre, die es ermöglicht, sich die Verhältnisse des Elendviertels, lebhaft hervorzurufen. Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben lebt von Boos detailversessenen Beobachtungen, die über mehrere Jahre entstanden sind, ohne gleichzeitig zu werten. Ihre Schilderungen lassen Platz für eigene Interpretationen und erfordern es, sich auf die Lebenssituation in Mumbai einzulassen.

Besonders hervorzuheben ist der einfühlsame Umgang mit den Einwohnern Annawadis. Die aufgezeigten Misstände und Problemfelder des Landes werden nicht durch eine amerikanische Journalisten aufgezeigt, sondern durch die Gedanken, Gefühle und Handlungen der Akteure, die tagtäglich darum kämpfen ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen. Boo gelingt dadurch ein vielschichtiger Blick, der aufzeigt, wie schwierig sich Armut und Chancenungleichheit bekämpfen lassen. Die Ursachen sind vielfältig: ein korruptes Polizei- und Justizsystem, Behörden und Organisationen, die sich am Elend der armen Bevölkerung bereichern wollen und die Slumbewohner selbst. Anstatt untereinander solidarisch zu leben, verstricken sie sich in Kleinkriege und streiten sich um das letzte bisschen Würde und Besitz, was ihnen noch bleibt. Boo vermag es, diese Schwierigkeiten aufzunehmen und sie subtil durch das Leben in Annawadi zum Ausdruck zu bringen.

| MARC STROTMANN

Titelangaben
Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben
(Behind the Beautiful Forevers. Life, death, and hope in a Mumbai undercity, 2012)
Deutsch von Pieke Biermann
München: Droemer 2012
336 Seiten. 19,99 Euro (eBook 17,99 Euro)

Reinschauen
| Leseprobe Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Home! Sweet Home!

Nächster Artikel

They took my baby

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Aufmerksam studieren!

Sachbuch | Gabriel Zucman: Steueroasen Hoeneß, JVA Landsberg, ist eine Mücke, vergleicht man ihn mit denjenigen, die real die Beträge verschieben. Gut, eine Mücke sticht, sie überträgt leidige Krankheiten. Aber der grandios inszenierte Bouhaha, der um die Steuer-CDs veranstaltet wurde, hat bei den tatsächlich Vermögenden, wenn überhaupt, ein gelangweiltes Schmunzeln verursacht. Von WOLF SENFF

Ungewohnte Perspektiven

Gesellschaft | Klaus Hillenbrand: Fremde im neuen Land. Deutsche Juden in Palästina und ihr Blick auf Deutschland nach 1945 Reportagen aus Deutschland nach der Katastrophe des Nationalsozialismus sind nicht allzu selten. Die Berichte, die der Journalist und Zeithistoriker Klaus Hillenbrand in Fremde im neuen Land vorstellt, bieten allerdings höchst ungewöhnliche Durchblicke. Denn sie sind geschrieben von deutschen und deutschsprachigen Juden, die oft nur wenige Jahre zuvor aus ihrer alten Heimat verjagt worden waren. Von PETER BLASTENBREI

Haarsträubend

Gesellschaft | Werner Bartens: Verletzt, verkorkst, verheizt Die körperliche Leistung genießt bei uns eine deutlich höhere gesellschaftliche Wertschätzung als die geistige, der Sport siegt locker über die Bildung, so ist es nun einmal, wie auch immer man dazu stehen mag. Fitnesstraining steht bei allen Altersstufen hoch im Kurs, der Erhalt der körperlichen Gesundheit ist wichtig, man fährt mit dem Rad, man läuft Marathon. Von WOLF SENFF

Die Krake des Kapitalismus

Gesellschaft | Jakob Weiss: Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise Wir werden auf den Teppich geholt, und Jakob Weiss ist nicht der erste, der die größenwahnsinnigen Impulse des Menschen, über die Natur regieren zu wollen, ins Visier nimmt. Qua Einblick in schweizerische Verhältnisse werden wir auf grundlegende Probleme der Landwirtschaft gestoßen. Von WOLF SENFF

Freier Mensch und freies Leben

Gesellschaft | Michael Hirsch: Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen! Das Gefühl, dass Lähmung um sich greift, ist unverkennbar. Dennoch erleben wir im Alltag eine unaufhaltsame Beschleunigung – was ist eigentlich los? Die Lähmung, so Michael Hirsch, in diesem Punkt an Slavoj Zizek anknüpfend, sei verursacht durch den in unseren Köpfen zutiefst verwurzelten Glauben an ›Wachstum‹ und ›Fortschritt‹. Und die Beschleunigung ist das Ergebnis der durch nichts und niemanden gebremsten kapitalistischen Erwerbsorientierung, vulgo Raffgier. Von WOLF SENFF